5. Januar 2012

zwei zu acht

Es gibt eine Vielzahl von Flüchen, die auf ländlichen Gegenden lasten – kaum Einkaufsmöglichkeiten, schlechte polizeiliche Ermittlungen scheinbar unbedeutender Provinzialdelikte und vor allem eine fehlende Zuganbindung gehören nach allgemeiner Einschätzung dazu. Nach wie vor verschwindet Bahnhof um Bahnhof und hinterlässt traurige Bilder von verlassenen Gebäuden, überwucherten Flächen und ehemals hoffnungsvollen Menschen, die nun versauern und den alten Zeiten nachsinnen.
Auch in Niederneutsch hängen seit zehn Jahren keine Fahrpläne mehr aus und die einzige Verbindung zur nächsten Stadt stellt der Überlandbus dar, der immerhin noch alle zwei Stunden vorbei tuckert. Dennoch sind die Bahnsteige nicht verlassen und dem Vergessen geweiht, sondern regelmäßiger Treffpunkt der Niederneutscher, die aus der Not eine Tugend gemacht haben: die rostigen Stahlträger sind frisch gestrichen und fachmännisch gesichert, zwischen den Holzplanken, auf denen früher Schienen aus kostbarem Eisen verliefen, blüht eine reiche Vielfalt grün-bunter Natur und der triste Betonboden quillt über vor phantasievollen Kreidezeichnungen.
Ein kleines Paradies also, welches an diesem sonnigen Samstagnachmittag erfüllt wird vom Duft mehrerer Grills, um die sich im gemütlichen Gespräch die Älteren versammelt haben, und dem ungebändigten Gekreisch der Kinder, welche das Glanzstück der gemeinschaftlich verschönerten Anlage nutzen: den Badeteich in der Betonrinne, die früher all den Schotter über dem Tunnel zu den einzelnen Bahnsteigen umfasst hatte. Obwohl sie schon mehrere Stunden zwischen Schilf und Fischchen verbracht haben und die Bratwürste mehr als verlockend duften, können sich die Kleinen nicht von diesem Vergnügen losreißen, führen weiterhin Wettbewerbe im Schwimmen, Tauchen und Ärgern der Mädchen durch und spritzen lachend ihre Eltern nass.
Gedankenversunken blickt Herr Duns, beinahe einstimmig gewählter Bürgermeister der kleinen Gemeinde, über das feuchtfröhliche Treiben und fühlt die Schatten, die über Allem hängen. In den letzten Monaten hatten sieben weitere Familien Niederneutsch verlassen, um in der Stadt ein Einkommen und die Gewissheit zu finden, in Sicherheit zu leben. Sie hatten dieselben Fragen, die auch ihn tagtäglich quälen: Wieso verschwinden alle paar Jahre Kinder spurlos am helllichten Tag, selbst aus ihrem Zimmer oder beim Spazierengehen? Wieso bricht die Polizei die Suche stets nach wenigen Wochen aufgrund fehlender Hinweise ab? Wie kann das mit rechten Dingen zugehen? Duns blickt über all die lachenden Menschen und versteht es einfach nicht.
Eine kleine Hand reißt ihn aus seinen düsteren Gedanken zurück in die brütende Sonne und verwirrt schaut er nach unten zu Florian, der an seiner Hose zieht und stolz eine gefundene Flasche präsentiert.
„Sie war ganz unten zwischen zwei schweren Steinen eingeklemmt“, berichtet er außer Atem, „und ich musste dreimal tauchen, um sie frei zu bekommen.“ Er reicht sie mit geschwellter Brust seinem Vater. „Pass gut drauf auf, Papa, ich such noch eine“, ruft der Blondschopf im Wegrennen und springt mit einem Jauchzen ins Nass.
Zutiefst interessiert hält Duns die völlig verdreckte Flasche ins Licht, um hinein zu sehen und erblickt, nicht ganz unerwartet, einen Zettel, der im Innern auf ihn wartet. „Eine Flaschenpost“, murmelt er vor sich hin. „Älter als zehn Jahre kann sie nicht sein, ich bin gespannt.“ Von einem der Tische schnappt er sich einen Korkenzieher und entfernt den mit Wachs versiegelten Kork. Um die kleine, vergilbte Schrift zu erkennen, muss er sich seine Brille auf die Nase klemmen, dann liest er:
Unsere Eltern sind verschwunden, ließen uns allein.
Von euch kam keine Hilfe, nur Ignoranz.
Wir sind verhungert, elend im Wald.
Nun nehmen wir euch die Kinder, unsere Spielgefährten.
Lena und Max
Seine Augen weiten sich, doch er versteht die Worte nicht, hält sie gar für einen makabren Scherz. An Lena und Max, die vor über dreißig Jahren im Dorf gelebt haben, erinnert er sich nicht. Wie auch? Damals war er selbst noch ein Kind gewesen und wurde von seinen Eltern sorgsam von diesem Haus fern gehalten, von dessen Bewohnern niemand sprach.
Noch einmal liest er den Text, ohne ihm mehr Sinn entlocken zu können, dann dreht er den Zettel um und blickt auf eine absonderliche Liste von Namen und Orten der Form „Marie, Parkteich; Paul, Einkaufszentrum; Lutz, Kinderzimmer“. Insgesamt zehn Namen findet er, die letzten drei – Linda, Felix, Klaus – stimmen scheinbar zufällig mit denen der Kinder überein, die in seiner Amtszeit verschwunden sind. Ganz unten in krakeliger Schrift:
Lena: 1  2
Max: 1  2  3  4  5  6  7  8

Er beginnt zu schwitzen, obwohl ihm noch immer nicht klar ist, was diese Worte bedeuten. In seinem Unterbewusstsein weiß er es jedoch genau, und so folgt er einer Eingebung und wendet sich dem Badeteich zu.
„Jetzt aber raus hier!“, ruft er ein schallendes Machtwort über die Idylle. „Es ist Würstchenzeit!“
Die Kinder gehorchen artig, immerhin wurden sie vom Bürgermeister persönlich gerufen – und sein Wort hatte hier auf dem Land Gewicht. Einzig Florian und Susi erreicht er mit seinem Appell nicht, denn diese befinden sich seit zwei Minuten im Lang-Tauch-Kampf um die nächste Flasche.
Das gute dutzend Kinder, mit Handtuch und Wurst versorgt, schaut gemeinsam mit den Eltern in das dunkle Wasser und alle spekulieren lachend über den Sieger. Allein Herrn Duns ist nicht nach Spaßen zu Mute, doch er will keine sinnlose Panik verbreiten. Die Wasseroberfläche scheint ihm zu lange zu still zu sein, obwohl er sich bildlich vorstellen kann, wie die beiden  sich mit zugekniffenem Mund an den großen Steinen am Grund festhalten. Womöglich in direkter Nachbarschaft eines düsteren, vermoderten Schemens, denkt er sich erschaudernd, und schon will er sich in die Fluten stürzen, um seinen Sohn eigenhändig herauszuholen, da steigen kleine Bläschen auf und drei angespannte Sekunden später erscheinen gleichzeitig die Köpfe von Susi und Florian an der Oberfläche. Die Menge ergeht sich augenblicklich in einer wilde Diskussion darüber, wer der beiden länger unter Wasser gewesen ist, und so wirklich versteht niemand, nicht einmal der achtsame Duns, was in den nächsten Sekunden passiert.
Susi hat mit Blick auf den Grill schon den Rand erreicht, während Florian auf dem Weg zum Bahnsteig plötzlich erstarrt und zitternd die Augen verdreht, bis bloß noch weiß zu sehen ist. Seine Lippen formen lautlos ein letztes Wort, dann geht er ruckartig unter. An seiner Stelle erscheint ein schleimiger Kopf mit verfilzten schwarzen Haaren, der hämisch grinsend in die Runde schaut und wortlos drei Finger in die Höhe streckt.
Nur noch blankes Entsetzen erfüllt jeden der Anwesenden und kein Ton klingt mehr in der Luft, jede Bewegung ist erstarrt, bis Duns einen grauenhaften Schrei ausstößt und auf den Kopf zuspringt, der augenblicklich untergeht. Völlig dem Wahnsinn verfallen schlägt er auf das Wasser ein, taucht, kommt wieder hoch, schreit, taucht wieder und findet nichts und wieder nichts. Nach und nach wird er von anderen Vätern, später auch von der Polizei unterstützt, doch Florian ist und bleibt verschwunden.
Den vergilbten Zettel, der vom Wind quer über den bunt bemalten Beton getrieben wird, nimmt indes niemand wahr. In einer neuen Zeile prangt in noch feuchter Tinte: „Florian, Bahnteich.

 

3. Januar 2012

Realitäten zerträumen

Der Alltag kann manchmal ganz schön öde sein - jeden Tag das Gleiche, kaum Abwechslung. 

Wäre es da nicht schön, wenn ein Moment der Langweile sich in etwas Wunderbares verwandelt? 
  • Ein Blick in die Wolken und man kann seinen Augen kaum trauen - ein prachtvoller Drache schlängelt sich seinen Weg durch das Meer aus Weiß- und Grautönen.
  • Ein regnerischer Tag, doch plötzlich durchbrechen Sonnenstrahlen den düsteren Himmel und wie ein Schwarm bunter Schmetterlinge tanzen Feen in der goldenen Wärme.
  • In den Nachrichten wird von einem Waldbrand berichtet und am Rand des Bildes erkennt man die hämische Fratze eines Teufelchens.
In diesem Blog werden wir - Styx und Musouka - Geschichten des Alltags niederschreiben, welche für die Protagonisten doch nicht ganz so alltäglich sind. Die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit wird verschwinden und wahrlich fabelhafte Dinge werden die Monotonie des Lebens durchbrechen.

Dabei werden die unterschiedlichsten Erzählungen zu Stande kommen. Die meisten werden entweder von Styx oder mir geschrieben sein, aber auch ein paar gemeinsame Projekte werden entstehen.

Wir hoffen, dass euch diese kleinen Berichte gefallen werden und wünschen viel Spaß beim Lesen.